Gewissensfrage: Wer kriegt die Babyklamotten und anderen Altkleider?

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Verdammt. Wie ich ein schlechtes Gewissen in mir wegen zwei Altkleidersäcken ausmache – und eigene Ressentiments und Vorurteile.

Altkleidercontainer-Neukoelln

Auch nur ein Geschäft: Altkleider-Container in Berlin-Neukölln. Wer von ihnen wie sehr profitiert? Keine Ahnung.

Am vorletzten Sonntag waren wir auf dem Flohmarkt, pardon, Flowmarkt hier in Neukölln. Nicht als Bummler, sondern als Verkäufer. Wir heißt in dem Falle: meine Frau und eine Freundin haben alte Kleider, Schmuck, Accessoires und ein paar Babyklamotten verkauft, ich habe meinen Schrott dazugestellt. Mit Kid A habe ich zwischendurch Runden um den Landwehrkanal gedreht oder mit am Stand gesessen – Eltern ahnen, dass das wiederum auf Dauer zu wenig Entertainment für ein quirliges zehn Monate altes Baby ist, das lieber ein Rollmops oder eine Robbe wäre. „Fast wie eine dieser Mamas, die den ganzen Tag mit ihren Kindern an der gleichen Ecke hocken und betteln“, so mein schlechter Scherz in der Mittagshitze. Womit wir aber beim Thema wären.

Ein paar der gebrauchten, aber sehr gut erhaltenen Kleidungsstücke wollte keiner kaufen. Als ich am Abend diese übriggebliebenen Klamotten in einen Altkleidercontainer in der Manitiusstraße werfen will, so davor stehe und überlege, in welchen der beiden Container – einer trägt eine Malteser-Lizenz, der andere kommt von einer Textilrecyclingfirma, die laut Plakette die „Familienschutzwerk Kinderküche“ unterstützt – ich die zwei schweren Säcke nun hieve, kommt plötzlich diese Frau auf mich zu. Sie ruft, will die Säcke haben und, so erfahre ich, die Kleidung daraus ihrer armen Familie in Bosnien schicken. Wie arm die seien! Aha, denke ich. Wie eine Bosnierin sieht sie nicht aus, eher wie eine Sintiza und Romni, wie der Singular von Sinti und Roma laut Duden heißt. Aber wie sehen Bosnierinnen denn aus? Und ist es nicht rassistisch, von Sinti und Roma zu sprechen, wenn schon immerhin nicht von „Zigeunern“? Oder war es umgekehrt?

Vermeintlich geistesgegenwärtig stelle ich die Fangfrage, wohin genau in Bosnien das Paket denn gehen soll. Bestimmt weiß sie keine Antwort darauf! Aber erstens wüsste ich selbst nicht, ob es den Ort der möglichen Antwort gibt, und zweitens antwortet sie sowieso nur irgendwas mir Unverständliches, sie spricht ja weder deutsch noch englisch, und ich erkenne nicht mal ihre Sprache. In Wahrheit fühle ich mich überrumpelt, mit welcher Zielstrebigkeit sie nach den Tüten greift, bin perplex und hin- und hergerissen, ob ich sie machen lasse oder die Säcke doch noch in die Container werfe. Aber da ist es längst zu spät. Die Dame zieht mit ihrem Bollerwagen weiter und nickt murmelnd. Wenigstens ein Versprechen, dass die Kleider bitte wirklich in die Hände von Bedürftigen kommen, wollte ich ihr noch abringen. Es gelingt mir nur leidlich.

Noch zwei Stunden später rattern die Fragen durch meinen Kopf: Hat die Frau auch nur halbwegs die Wahrheit gesagt, kommen unsere Altkleider in die Hände von Bedürftigen? Ist sie nicht selber eine gewesen? Oder verkaufen sie und ihre Familie das Zeug irgendwo weiter? Aber selbst wenn, kommt der Erlös nicht dann wiederum ihr und ihren Kindern zugute, die ja wohl definitiv auch arm dran sein müssen, wenn die Mutter schon so ihr Geld machen muss? Oder steckt etwa eine Mafia dahinter, wie man es auch bei den an vielen Berliner Straßenecken und vor Supermärkten bettelnden Frauen mit Baby auf dem Arm gerne vermutet? Wo die Kinder gar selbst zum Betteln geschickt werden, und das auch vor den Augen anderer Kinder?

Ja, ich beschwere mich hier über Luxusprobleme, die nur aus dem eigenen Überfluss heraus entstehen. Die Überlegungen gehen dennoch weiter beziehungsweise zurück: Wäre ein Container wirklich die bessere Wahl gewesen? Juliane hatte für die zitty (und für die taz, wie ich gerade sehe) mal recherchiert, was von den Altkleiderspenden bei welchem Anbieter in welcher Form wo ankommt. Bleibt nicht viel übrig, an soviel glaube ich mich vom Ergebnis der Recherche erinnern zu können. Aber hey, mein Gewissen hätte mich in Ruhe gelassen. Und damit das Gefühl, ins Gesicht hinein verarscht worden zu sein.

Ich bin zu gutgläubig, erklärt mir meine Frau später, als ich ihr von meinen Sorgen erzähle. Aber wie hätte ich in dem Moment denn am besten reagieren sollen? Wenn schon die FAZ sich der Frage, wie man mit Bettlern umgeht, nicht mehr als annähern kann?

Vielleicht weiß Dr. Dr. Rainer Erlinger vom Süddeutsche Zeitung Magazin ja eine Antwort.

Tl;dr: Wo sind unsere Altkleider besser aufgehoben, bei Bettlern oder in Sammelcontainern? Ich wusste und weiß es nicht genau.

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