Der Herr der Selbstversuche

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That’s Infotainment: Der Journalist Christoph Koch hat sich für sein aktuelles Buch weltweit auf die Suche nach der Männlichkeit gemacht. Mindestens eine Erfahrung und Rolle stünde zur Wahrheitsannäherung aber noch aus.

Das will er jetzt auch noch packen: Christoph Koch beim… (Foto: Jessica Braun)

Das will er jetzt auch noch packen: Christoph Koch beim „Tough Mudder“-Hindernisparcours. (Foto: Jessica Braun)

Christoph Koch will es wissen. Zum Beispiel, wie das ist, über einen Monat ohne Internet und Handy. Oder wie man eigentlich glücklich wird. Über beide Fragen hat der Journalist (Neon, brand eins, GQ, Tagesspiegel, SZ-Magazin u.a.) und „social stuntman“ schon Bücher geschrieben und dafür aus verschiedenen kleineren Selbstversuchen jeweils einen großen gemacht. Und nun ist Koch auszogen, ein echter Kerl zu werden.

Chromosom-XY-ungelost-9783954711604_xxlIn seinem aktuellen, dritten Buch „Chromosom XY ungelöst“ geht Christoph Koch der Frage nach, wie man ein richtiger Mann wird und was Männlichkeit überhaupt definiert. Er versucht sich dafür unter anderem als Fußballfan (FC Augsburg), wirft sich beim Shrovetide-Football mit in die Meute, macht eine Ranger-Ausbildung in Südafrika, repariert seine Vespa selbst, angelt in der dänischen Ostsee, besucht Lamborghini-Testfahrer in Italien, tanzt Linedance in Nashville, entdeckt den Barkley-Ultramarathon in den us-amerikanischen Wäldern, sucht sogenannte „Pick Up Artists“, also (oft unseriöse) Flirt-Trainer, telefoniert mit Hugh Hefner und lässt sich von einem ultraorthodoxen Christen berichten, wie das für ihn, seine Familie und sein Umfeld war, als der sich ein Jahr als schwul ausgab.

Koch macht all das einem journalistischen Erzählton, der stets mehr die plaudernde Reportage ist als bloßes Referieren von Recherche. Vor allem aber bemüht „Chromosom XY ungelöst“ wie schon seine Vorgänger niemals einen Ratgeber-Duktus und ist gerade deshalb stets kurzweilig zu lesen. Auch wegen der dezent ironischen Zwischenlisten darüber, welche 10 Dinge ein Mann niemals tun sollte. Oder der Auswahl der Mutproben, die Koch sich nicht getraut hat.

Sein Zwischenfazit lautet an einer Stelle, dass Koch gelernt habe, „dass zum Männlichsein eine gewisse Leidenschaft für ein bestimmtes Thema“ gehöre. Und dass „wahre Männer im Gegensatz zum landläufigen Klischee gar nicht so sehr Testosteron und Aggressivität ausstrahlen, sondern eher Ruhe und Gelassenheit. Eine innere Sicherheit, mit jeder Situation fertig werden zu können.“ Man verrät mit diesem Zitat nicht das Ende, denn soviel dürfte jedem Leser wie auch Koch selbst längst klar gewesen sein: Die eine richtige Antwort auf die Frage, was und wer denn nun wie männlich ist, gibt es nicht, wie es sie schon bei den vorherigen Selbstversuchen nicht gab. Aber als Leser tut man gut daran, sich ein paar der Fragen, die Koch sich, seinem Thema und seinen Protagonisten stellte, selbst zu fragen.

Die theoretischen Hausaufgaben hat Koch übrigens auch erledigt. Er erzählt etwa von der Geschichte des Männerbilds im Wandel und somit unter anderem davon, dass und warum hohe Schuhe einst für Männer vorgesehen waren. Vollständig ist das Buch trotzdem nicht. Drei Dinge, die Christoph Koch zum Beispiel nicht getan hat:

  • Er hat nicht Mario Barth besucht und sich das Geheimnis seines Erfolges verraten lassen. („Frauen sind so, kennse kennse?!“)
  • Er hat keine Frauen außer seiner eigenen getroffen, die ihm erklärt hätten, was sie männlich finden und was nicht. (Oder er hat diese Treffen nicht dokumentiert )
  • Vor allem aber: Er erinnert sich zwar bewegend an seinen Großvater und seinen Vater – aber er ist nicht selbst Vater geworden. Über diese Erfahrung und was das wiederum mit Männlichkeit und Mannwerdung zu tun hat, hat ja bereits Yessica Yeti ein ganzes Buch geschrieben.

Zumindest die ersten beiden Punkte wären Koch aber vermutlich zu einfach gewesen.

Christoph Koch – „Chromosom XY ungelöst“, 300 Seiten, Taschenbuch, Blanvalet, September 2013

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