Welch Wunderhaus: In Berlin gibt es jetzt ein Soho House für Eltern und Kinder

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Theoretisch überfällig, praktisch fragwürdig: Warum mich das neue Wunderhaus in Berlin eher abschreckt als einlädt.

So schön wie im Katalog sieht es dort aus, keine Frage: Pressefoto vom „Wunderhaus“

So schön wie im Katalog sieht es dort aus, keine Frage: Pressefoto vom „Wunderhaus“

Seit die Nachmittage wieder kürzer und kälter werden, vergeht kaum ein Tag, an dem ich mir als Teilzeitarbeitnehmer nicht die immergleiche Frage stelle: Was zur Hölle stelle ich heute mit den Kindern an? Im Sommer ist die Antwort einfach: Spielplatz, Park oder Freibad. Im Herbst und Winter aber geht nichts davon, und obwohl wir in Berlin leben, sind die Indooraktivitäten zumindest für Kleinkinder leider sehr überschaubar. Klar, es gibt ein paar Eltern-Kind-Cafés. Die sind aber oft entweder zu verranzt, zu überfüllt, zu klein für Ü-2-Kinder oder längst geschlossen. Fast täglich keimt in mir deshalb eine vermeintliche Geschäftsidee auf: Es müsste wer in größerem Stil und Style einen Spielort und Treffpunkt eröffnen, der nicht so laut und schäbig und aus Plastik ist, wie diverse Indoor-Spielplätze, und nicht so klein und überfüllt wie Kindercafés, die ohnehin nicht davon leben können, dass Eltern einen Kaffee und eine Apfelschorle bestellen und den Rest der Zeit ihren Kindern hinterherrennen. Nun: Shirley Erskine-Schreyer hatte die gleiche Idee und hat sie in die Tat umgesetzt. Das ambitionierte Ergebnis verstört mich leider trotzdem.

Mit dem am 1. November 2017 in Berlins Familienbezirk Prenzlauer Berg eröffneten „Wunderhaus“ erfüllte Erskine-Schreyer sich „einen langgehegten Traum und erschuf einen stilvollen Rückzugsort, an dem Eltern und Kinder gemeinsam entspannen können“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Das „Wunderhaus“ definiere demnach „das altbekannte Kindercafé ganz neu und bietet Familien nun einen Rückzugsort und eine Plattform, um sich miteinander auszutauschen und zu verbinden – und das in einem qualitativ hochwertigen Ambiente.“ So weit, so gut, so wolkig.

Konkret soll es vor Ort Yoga, Mozart für Minis, Baby-Massage, Tiny Dancers Ballett, eine Beauty-Bar, organic food, an die Waldorf- und Montessori-Pädagogik angelehnt Spielbereiche und so weiter und so fort geben. Uff und wow. Die Motivation hinter der Gründung des WUNDERHAUS klingt toll, die Kurse sind es vielleicht auch – gäbe es nicht eine maßgebliche finanzielle Hemmschwelle. Das „Wunderhaus“ ist ein sogenannter „Membership-Club für die ganze Familie“, die Gäste müssen zwischen drei unterschiedlichen Mitgliedschaften auswählen. Und deren Preise haben es in sich.

Für mindestens 69 Euro pro Monat wird einem Einzelkind und seinen Eltern Eintritt gewährt, zwei Stunden Babysitting und fünf Gästepässe inklusive, Kurse exklusive. Für 99 Euro gibt es einen vierwöchigen Kinderkurs und Rabatt auf weitere Angebote dazu. Für 149 beziehungsweise 199 Euro kann man weiter aufstocken. Klar, von irgendwas müssen so ein Ort und dessen Angebote finanziert werden. Eltern wissen, wie allein solche Kurse ins Geld gehen können. Aber hätte es nicht auch andere Finanzierungsmöglichkeiten gegeben, die für weniger Elitenbildung und Abgrenzung und mehr Gemeinsamkeit gesorgt hätten? Von mir aus ein paar Euro Eintritt pro Besuch oder sogar Sponsoren, die sich in bestimmten Ecken im Haus präsentieren. Nein, meine Kinder soll keine Zielgruppe sein, aber dass ich Teil einer bin, nähme ich billigend in Kauf.

Mit einem derartigen „Membership Club“-Konzept aber wirkt das Wunderhaus auf mich nicht wie ein neuer cooler Ort für Kinder und ihre Eltern, sondern wie ein Soho House für Minderjährige und deren Vormund. Ein Ort, in dem Alexander, Anton und Marie ihre Burberry-Jacken aufhängen und, wenn sie Glück haben, mal eine Stunde ohne elterlichen „Lern‘ was“-Druck spielen können, weil Mama gerade mit den Baumgärtners aus dem Nachbarloft einen vom eigentlich umstrittenen, aber doch so angesagten „The Barn“ gelieferten Guatemala Espresso schlürft, während Papa auf Geschäftsreise ist. Über die Kundschaft im Soho House schrieb Micky Beisenherz einst: „Soeben kommt Noel Gallagher um die Ecke. Zumindest jemand, der ihm entfernt ähnlich sieht. Dann Ringo Starr. Es macht Spaß, sich vorzustellen, dass es die echten sind. Und nicht etwa Abziehbilder. Davon gibt es hier reichlich. Man badet wahlweise im Pool. Oder im Klischee.“ Ich komme nicht um die gemeine Vorstellung umhin, dass sich im „Wunderhaus“ ähnliches abspielen könnte – nur mit dem Unterschied, dass die Protagonisten Smoothies statt Schampus trinken. Wobei ich zumindest für deren Eltern auch das nicht ausschließen würde.

Obacht: Mein Urteil über das „Wunderhaus“ ist selbstverständlich zuallererst ein Vorurteil, schließlich war ich noch nicht da. Vielleicht wäre ich nach einem Besuch doch hin und weg und wollte auf der Stelle ein Franchise in Kreuzberg aufmachen. Ich befürchte aber, dass mir und einigen anderen Eltern 69 Euro pro Monat zu schade sind, um mein Klischee bestätigen oder widerlegen zu lassen.

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