Die große Vereinbarkeitslüge

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Oder: Wie es aktuell wirklich ist, zwei Kinder zu haben und arbeiten zu gehen. Ein Rant ohne Verbesserungsvorschlag, aber mit einem neuen Hashtag.

Kid A und ich (nicht im Bild) auf der Blogfamilia 2017

Kid A und ich (nicht im Bild) auf der Blogfamilia 2017

Gut reden haben sie alle. Vor ein paar Wochen zum Beispiel. Da kündigte die Blogfamilia 2017 die Talkrunde „Digitalisierung und Vereinbarkeit – Fluch oder Segen?“ an, und schon bei der Beschreibung musste ich müde lachen: „Ein großer Teil der in Deutschland lebenden Eltern strebt das Leitbild einer partnerschaftlichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf an, in deren Rahmen sich beide Partner die Familien- und Erwerbsarbeit gleichberechtigt teilen.“ Denn ja: „Wunsch und Wirklichkeit liegen jedoch noch weit auseinander“. Nach mittlerweile dreieinhalbjähriger Erfahrung als Arbeitnehmer UND Vater muss ich sagen: Analog, digital, scheißegal – Vereinbarkeit ist eine von der Wirtschaft erfundene Lüge. Es gibt sie nicht.

Zur Veranschaulichung: Ja, ich habe nach der Geburt beider Kinder Elternzeit genommen und in Teilzeit gearbeitet. Ja, ich habe Wochenenden. Nein, das hat mit Vereinbarkeit oder Gleichberechtigung nichts zu tun. Ein „ganz normaler Tag“ sieht bei uns, da ich wieder arbeiten gehe und meine Frau gerade den teilzeitlichen Wiedereinstieg wagt, so aus:

6:05 Uhr: Kid B wacht auf. Kid A kurz darauf. Nehme beide und bin vergeblich um Ruhe und verschlossene Türen bemüht, damit wenigstens meine Frau ein paar weitere Minuten Schlaf kriegt. Meist vergeblich. Währenddessen: Frühstück, Anziehen, Windeln wechseln, Aufräumen, Taschen für den Tag packen, selbst wenigstens irgendwie an einen Kaffee kommen.

8:25 Uhr: Kid A und B werden, mal zusammen im Auto, mal separat per BVG und wenn sie nicht gerade krank sind, quer durch Kreuzberg und Neukölln zu zwei verschiedenen Kindergärten kutschiert. Zu ihrem Wohl, klar, leider aber auch zu unserem logistischen Leid. Abgeholt werden nämlich wollen sie ja auch noch.

9:31 Uhr: Stolpere gerädert ins Büro und bin meist trotzdem der erste, bevor die Kollegen ausgeschlafen, frisch geduscht und guter Dinge eintrudeln.

14:10 Uhr: Durchgearbeitet bis hierher. Meine zum Glück flexibel wählbare Pause nutze ich dafür, um Kid B aus der Krippe abzuholen. Bringe ihn heim zu meiner Frau, die kurz darauf Kid A abholen muss oder ihn daheim bespaßte und von dort an wieder beide Kids am Hosenzipfel hängen hat oder, genauso anstrengend, Kid B nochmal zum Schlafen kriegen muss, während Kid A Bücher vorgelesen kriegen will. Wenn sie „Glück“ hatte, fand sie zwischen Bringen, Abholen und anderen täglichen Erledigungen Zeit für ein paar Mails, Telefonate oder gar ein Treffen. Zum konzentrierten Arbeiten reicht dieses Zeitfenster kaum.

18:00 Uhr: Verlasse pünktlich die Redaktion, eile nach Hause und bemühe mich darin, die Bespaßung zu übernehmen. Spielen, Abendessen, Baden, Umziehen, Aufräumen, ins Bett bringen. 

20:29 Uhr: Abends, wenn die Racker nach etlichen „La Le Lus“ und Schunkeleien dann endlich schlafen: Kinderläden erfolglos anschreiben, Möbel suchen, Urlaubsziele überlegen, Papierkram, Haushalt, manchmal der kurze Versuch des Abschaltens durch Anschalten von Netflix. Dabei einpennen und wieder nichts für sich oder die eigene Zukunft geschafft haben. Nachts fünfmal wach werden dank des unruhigen Baby/Kleinkind-Schlafs, und am nächsten Morgen um 6 Uhr geht der Wahnsinn von vorne los.

So weit, so „normal“, vermutlich. Trotzdem kurze Zwischenfrage: Geht das Elternsein eigentlich allen derart an die Substanz? Sagt einem ja keiner, weil bei allen anderen angeblich immer heile Welt und Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Ich will mich übrigens nicht darüber beschweren, dass Kinder anstrengend sind. Ich beschwere mich aber ganz grundsätzlich darüber, dass einem unsere Arbeitswelt und der daran hängende Rattenschwanz, das gesellschaftliche Konstrukt drumherum, das Elternsein zusätzlich erschwert: Du willst Kinder, um zum Beispiel, ganz egoistisch, Deinem Leben endlich einen höheren Sinn zu geben? Da brauchst du eine größere Wohnung. Die kostet, gerade hier in Berlin, immer mehr. Also musst du mehr arbeiten gehen. Siehste halt deine Kinder weniger, die in eine schlecht besetzte Kita müssen, aber hältst das Rad am laufen. Und fragst dich wieder nach dem Sinn. Ein Teufelskreis.

Zugegeben: Manchmal bin ich froh, mich auf die Arbeit flüchten zu können. Weil ich dort zwar auch gefordert bin, keine Pause habe und mitunter Dinge mache und Meetings halte, auf die ich keinen Bock habe. Aber weil ich dort wenigstens irgendeine Art von Abwechslung im Alltag habe. Mal keine vollgekackten Windeln, heulende und ständig rumrennende Kleinkinder und Babys, die schon wieder schlafen müssen, um mich herum habe. So sehr ich sie liebe, klar.

Vereinbarkeit ist nichts weiter als ein Euphemismus für Kompromisse

Man könnte als konservativer 60-Jähriger jetzt meinen: Was hast Du denn, Fabian? Gehst arbeiten, kümmerst Dich um die Kinder, Deine Frau hat immerhin alle paar Tage auch mal ein paar Stunden Zeit „für sich“ – läuft doch! Nein, nix läuft. Wenn ich auf der Arbeit bin, denke ich an meine Familie und daran, was alles (zu oft von meiner Frau) organisiert werden muss: Handwerkertermine, Kitasuche, Arzttermine, Einkäufe. Wenn ich zuhause bin, denke ich an die Arbeit und daran, was dort noch alles getan werden müsste oder könnte. Von welcher Seite man es auch betrachtet: Vereinbarkeit ist nichts weiter als ein Euphemismus für Kompromisse. Denn es ist immer einer. Für mich, für meine Frau, für die Kinder, für die Arbeit. Eine „Lose-lose-lose-lose“-Situation, das.

Ich würde gerne beides mit hundertprozentiger Leidenschaft und Hingabe machen: Jederzeit für meine Kinder da sein und sich im Job engagieren, einbringen, um bloß nicht noch „verwirklichen“ zu sagen. Und ich will, dass meine Frau das gleiche kann. Ein Ding der Unmöglichkeit, ich weiß, aber gleichzeitig doch wirklich nicht mehr als der naheliegendste Wunsch der Elternwelt. Und deshalb alles eine große halbherzige Scheiße, diese vermeintliche Vereinbarkeit.

Ja, Elternzeit ist schön und gut und wichtig. Aber ob nun zwei Monate für Väter, die durchschnittlichen 3,1, sieben oder zwölf: Diese Zeit ist eine Ausnahme und irgendwann vorbei. Und dann muss Mama wieder an die Arbeit, oder Papa, oder beide, ausgeglichen wird das nie sein, und wieder steckt einer irgendwo zurück. Mutter, Vater oder Kind(er). In einer besseren Arbeitswelt müsste es immerhin so sein, wie Philipp Menn bei „Edition F“ kommentierte: „Wenn mehr Männer zugunsten ihrer Kinder monatelang aus dem Job aussteigen, dann ist das nicht nur gut für die Vater-Kind-Bindung. Dann muss die Gesellschaft Lösungen finden für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dann ist das Risiko für Arbeitgeber  bei Neueinstellungen plötzlich geschlechtsneutral: Nicht nur die Frau kann schwanger werden, sondern auch der Mann könnte ja mehrere Monate wegen Elternzeit fehlen.“

Wer sich fragt, wo denn darüberhinaus und nach all dem Gemecker nun mein eigener Lösungsvorschlag wäre (bedingungsloses Grundeinkommen, gute (!) Kitaplätze für alle, noch flexiblere Arbeitgeber, was auch immer man da jetzt sagen könnte) – ich habe keinen. Dieses Dilemma ist unlösbar, deswegen ist es ja so beschissen. Man kann nur hoffen, eines Tages, wenn die Kinder ausgezogen sind, alles halbwegs okay „hingekriegt“ zu haben, ohne allzu viel bereuen zu müssen: Bereuen, dass die Kinder wegen zu viel Arbeit zurückstecken mussten. Bereuen, dass man seinen Stress auf den Alltag der Kinder übertrug. Bereuen, dass die eigene Partnerschaft so gelitten hat. Bereuen, dass man mit dem Kopf zu oft woanders war, und nicht immer dort, wo er und Bauch hingehören: zur Familie. Weil kein Arbeitgeber dir nach Jahren danken wird, dass du ihm zuliebe deine Kinder kaum gesehen hast. Die werden sich das aber umgekehrt schon gemerkt haben.

Vereinbarkeit von Freizeit und Kindern funktioniert übrigens genauso wenig: Ich schreibe diesen Text auf dem Handy in der Bahn (und werde ihn erst Wochen später veröffentlicht haben). Heute fahre ich zum Niederrhein auf die Hochzeit eines guten Freundes, morgen zurück. Alleine. Ich habe ein schlechtes Gewissen, meine Frau mit beiden, kranken Kindern alleine zuhause zu lassen. Mitnehmen wäre aber auch keine easy Option gewesen. Nur Stress, und bevor die Party richtig los geht, müssen die Kinder ins Bett und einer muss bei ihnen bleiben. Das wäre meine Frau gewesen. Und ach: Vom Talk auf der Blogfamilia 2017 habe ich letztendlich leider nicht viel mitgekriegt. Weil ich Kid A dabei hatte und ihm immer hinterherrennen musste. Wieder so ein Kompromiss, aber um den wusste ich ja vorher.

TL;DR: Vereinbarkeit gibt es nicht. Der Begriff ist ein Euphemismus für Kompromisse. Denn es ist immer einer. Für mich, für meine Frau, für die Kinder oder für die Arbeit. Eine „Lose-lose-lose-lose“-Situation.

Ihr habt ähnliche Beispiele oder Frust zum Thema Vereinbarkeit? Twittert sie doch gerne unter dem Hashtag #Verkeinbarkeit.

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7 Comments

  1. Hi Fabian,

    als Neuling in der Blog-Welt im allgemeinen und der Papa-Blog-Welt im konkreten durchstöbere ich gerade diverse Papa-Blogs auf der Suche nach Inspiration und interessanten Stories über das Leben als Eltern. Nachdem man ein, zwei Artikel in einem Blog gelesen hat, merkt man recht schnell, ob einem der Schreibstil gefällt und man weiterlesen will. Das hatte ich hier bei dir sofort.

    Bei uns steht die Geburt zwar erst in Kürze an, aber dein Bericht über Vereinbarkeit als „Lüge“ und die Beschreibung deines typischen Tagesablaufs habe ich bereits jetzt als leider all zu realistisch empfunden. Ich hoffe zwar naiverweise noch immer, dass wir das irgendwie entspannter hinbekommen, aber am Ende wird es wahrscheinlich genauso aussehen. Und das ist schade. Wie du schon schreibst, es sind immer Kompromisse. Und man muss halt schauen, dass man immer das Beste draus macht.

    Schöne Grüße
    Tim

  2. Hallo Fabian,

    als Papa von zwei Lütten (3 & 1 Jahr(e) alt) kann Deinen Beitrag komplett nachvollziehen. Geht mir/uns genauso. Immer muss alles organisiert werden, immer muss man einen Kompromiss finden und das Ganze wird in der Regel von einem schlechten Gewissen begleitet.

    Und ich glaube auch nicht, dass es hierfür eine Lösung gibt, die nicht wieder damit verbunden ist, dass irgendjemand Abstriche machen muss.

    Gruß,

    Stephen

  3. Vielleicht müssen wir uns einfach von diesem „Vereinbarkeits-Quatsch“ verabschieden. Klar, einfach gesagt, aber wer auch immer das in die Welt gesetzt hat und meint, dass das alles gleichberechtigt und work-life-balance-mäßig klappen kann, der glaubt auch, dass die Models auf Unterwäsche-Werbeposter echt sind.. Ich glaube einfach, dass wir während der Kinderzeit einfach mal alle einen Kompromiss finden müssen. Und – jaja, ich weiß, einfach gesagt – die Arbeit da nicht die erste Priorität haben kann. „Karriere“ kann ich noch machen, wenn die Kinder älter sind – so ich das denn überhaupt will (und was bedeutet das schon). Aber ist doch so, wir werden später vor allem eins nicht sagen: „oh, ich war zu selten im Büro“. Und ich gebe dir total recht, wir brauchen nicht mehr Elterngeld oder Partnerbonus+ oder so (wobei das nie schaden kann) – wir brauchen vor allem Unternehmen, die sich darauf einstellen, dass männliche Arbeitnehmer ebenso ausgiebig ausfallen können, wie die Mütter.
    Ich weiß auch noch nicht, wie das (ab August) bei uns dann mit zwei Kindern sein wird, aber wir werden nicht aufhören, Kompromisse und Freiräume vor allem im Beruf einzufordern. Wird schon.

  4. Hallo Fabian,

    Mit meinen beiden und dem jahrelangen Einblick in Familien als Kitaerzieher, kann ich dich beruhigen: Eltern lügen ALLE! Die die sich nen Kopp machen gehören allerdings meist zur Rubrik der Guten. Also alles normal soweit. Walexgruss aus der Provinz.

  5. Sehr schön und – noch viel wichtiger – treffend geschrieben! In Grenzen und mit vielen Abstrichen an eigenen Ansprüchen halte ich die Vereinbarkeit von Familie und Job noch irgendwie als Begriff gerechtfertigt. Spätestens bei der Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist dann aber endgültig die Fantasiewelt erreicht, es sei denn, der eine geht arbeiten und der andere hütet die Kinder. Unsere Gesellschaft ist in dieser Beziehung so erzkonservativ wie seit Jahrzehnten, zumindest in ihrem Handeln.

  6. Hallo Fabian,

    ich schreibe ja eigentlich keine Kommentare ins Internet, aber…

    Nachdem mir Dein Text nun zum drittem Mal in die Timeline gespült wurde, muss ich doch mal. Also los. Kurze Zwischenantwort: Ja, das Elternsein geht mit großer Sicherheit allen so an die Substanz. Gerade das Amateurstadium, in dem wir beide stecken, das Kleinkind-und-Baby-Elternsein.

    Trotzdem muss ich Dir vehement widersprechen: Nach mittlerweile zweieinhalbjähriger Erfahrung als Arbeitnehmer UND Vater muss ich sagen: Vereinbarkeit funktioniert. Nicht ruckelfrei und ohne Nebenwirkungen. Aber es gibt sie. Sicherlich bedarf es dafür auch einiger glücklicher Umstände, die nicht jedem oder vielleicht sogar nur den wenigsten vergönnt sind. Keine Ahnung.

    Mit der klassischen Rollenverteilung (Du gehst Vollzeit arbeiten, Deine Frau bleibt in Teilzeit) und den zwei verschiedenen Kitas habt Ihr euch aber auch in eine besonders verzwickte, kraftraubende Lage manövriert. Das ist dann natürlich absurd weit von der gleichberechtigten Vereinbarkeit entfernt.

    Ich habe vergleichsweise leicht reden. Nur dank unserer mittlerweile eigentlich etwas zu kleinen, dafür aber abstrus günstigen Wohnung können wir uns dieses Doppel-Teilzeit-Vereinbarungsding (mit Gehältern, die glücklicherweise auch reduziert durchaus okay sind) überhaupt leisten. Das ist uns natürlich bewusst. Für diesen Status verzichten wir aber auch gerne noch ein paar Jährchen auf die 30 bis 40 qm größere Bude. Stichwort Prioritäten.

    Dafür nur 28 Stunden arbeiten zu müssen, meine Söhne aufwachsen sehen zu können und sogar regelmäßig Zeit nur für mich zu haben, das ist dann doch ein ganz großes WIN-WIN in dieser Situation. Das musste ich Deinem konsequent negativem Fazit doch mal entgegensetzen.

    In dem Sinne, bis bald auf Kreuzbergs Spielplätzen.

    T.

  7. Pingback:väter aktiv Newsletter 9/17 vom 2.10.2017 | Familie & Familienrecht

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