Verliebt in die/den Neunziger/n: „Everything Sucks!“ auf Netflix

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Die neue Netflix-Serie „Everything Sucks!“ bringt alles mit, was ein potentieller Familien-Feelgood-Hit so braucht. Leider geht die Rechnung nicht ganz auf.

Willkommen in der Langeweile: Luke und Kate vorm Ortsschild ihrer Heimat Boring in „Everything Sucks“ (Foto: Netflix)

Willkommen in der Langeweile: Luke und Kate vorm Ortsschild ihrer Heimat Boring in „Everything Sucks“ (Foto: Netflix)

Die gute Nachricht zuerst: „Everything Sucks!“, die neue Dramedy- und Coming-of-Age-Serie auf Netflix, hat eigentlich alles, was eine Erfolgsshow dieser Tage ausmacht und einen Ü-35-Dad wie mich kicken müsste: 90s-Nostalgie, Nerds, Witz und einen schmissigen Soundtrack. Die schlechte Nachricht: Leider wurden diese Zutaten von anderen Serien, die allesamt als offensichtliche Vorlagen für „Everything Sucks!“ dienten, bereits besser und weniger halbgar zusammengesetzt. Dabei könnte „Everything Sucks!“ so schön sein.

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In der real existierenden US-Kleinstadt Boring (!), mitten in den Neunzigern: Das neue Schuljahr beginnt, auch für die drei Kumpels Luke, McQuaid und Tyler. Sie werden als selbstbewusste Außenseiter inszeniert, die sich im Filmclub anmelden. Luke lernt dort Kate, Tori-Amos-Fan und Tochter des gutherzigen Dadjoke-Direktors kennen, repariert ihre Kamera – und verliebt sich in sie. Seine Freunde feiern ihn dafür, überhaupt mit einem Mädchen gesprochen zu haben, mit seiner Mutter bespricht er das weitere Vorgehen. Blöd für ihn: In seiner Garage findet Kate Tittenheftchen von Lukes Vater, stiehlt eines – und entdeckt damit ihre Sexualität für sich. Zeitgleich wird sie von einer älteren Mitschülerin, Dramaclub-Mitglied Emaline Addario, beweislos geoutet und gemobbt. Ihr Leben und das von Luke und seinen Jungs wird fortan nicht einfacher, aber eben auch nicht langweiliger.

„Everything Sucks!“ ist theoretisch eine ganz und gar wunderbare Serie

„Everything Sucks!“, dessen Titel der gleichnamigen Descendents-Platte entliehen sein dürfte, punktet zuerst durch seine Musik: Folge 1 der 1. Staffel beginnt mit dem Ska(te)punk-Hit „The Impression That I Get“ der Mighty Mighty Bosstones. In einer Schlüsselszene schenkt Luke Kate Oasis‘ neues Album (WHAT’S THE STORY) MORNING GLORY?, im weiteren Verlauf hören wir die Spin Doctors, The Presidents Of The United States Of America, The Bloodhound Gang, Weezer, und, natürlich, immer wieder Tori Amos.

So altbekannt wie die Songauswahl auf Dauer aber gerät, so vertraut scheint dem geneigten Binge-Watcher auch das Drumherum von „Everything Sucks!“: Retrofaktor und Cast – ein Afroamerikaner, ein Geek und ein philosophierender Klugscheißer, dazu ein Fönfrisur tragender älterer Mitschüler – erinnern an „Stranger Things“ (Kate sieht sogar aus wie eine Schwester von Dustin), deren Lunch-Gespräche erinnern an „Big Bang Theory“. Das Kameragetüftel kennen wir aus Spielbergs und JJ Abrams‘ „Super 8“, den frustrierten Blick Heranwachsender auf die Welt zuletzt aus „The End Of The F***ing World“, das wahrhaftige Depressionspotential an Highschools aus „Tote Mädchen Lügen Nicht“. Vor allen Dingen aber wirkt „Everything Sucks!“ in jeder Sekunde wie der Versuch einer Neuauflage von „Freaks And Geeks“ (deutscher Titel: „Voll daneben, voll im Leben“), der kommerziell gefloppten, aber sehr kultigen und einflussreichen Teenieserie von Judd Apatow, die späteren Stars wie James Franco, Seth Rogen und Jason Segel ihre ersten größeren Rollen bescherte.

Dass die zehn Folgen jeweils nicht länger als 27 Minuten und deshalb immerhin flott wegzugucken sind, hilft der fehlenden Charakter- und Handlungsentwicklung leider nicht. Dadurch entstandene plakative Dialoge und teilweise plattes Schauspiel tun ihr Übriges dafür, dass „Everything Sucks!“ theoretisch eine ganz und gar wunderbare Serie ist – praktisch ihre Vorlagen aber sehenswerter sind. Wenn man die nicht allesamt schon gesehen hätte.

Die beste Szene in „Everything Sucks!“:

Luke erklärt Kate, dass sie doch wenigstens so tun könnten, als seien sie ein Paar – und falls er sich doch verlieben würde, riefe er das Codewort „Banana Slug“. Später besucht er sie zuhause, auf Wunsch ihres Vaters spielt und singt Kate am Klavier „Rocket Man“. Luke hört und schaut gebannt zu – und kriegt danach nicht mehr als ein völlig aufgelöstes „Banana Slug“ heraus. <3

Die schlechteste Szene in „Everything Sucks!“:

Leider fast jede Szene mit Quinn Liebling. Seine eigentlich sympathische Figur des Tyler Bowen ist die klischeebeladenste von allen, jeder Satz von ihm wurde als Pointe ins Drehbuch geprügelt – und leider einmal zu oft genauso vorgetragen.

„Everything Sucks!“, Staffel 1 seit dem 16. Februar auf Netflix

(Dieser Text ist in abgewandelter Form zuerst auf Musikexpress.de erschienen)

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