Warum ich meine Kids nicht mehr alleine YouTube schauen lasse

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„Elsagate“, Verschwörungstheorien und Werbespam: Eine Recherche des „Business Insider“ beweist erneut, dass Kindern und ihren Eltern von der „YouTube Kids App“ unbedingt abzuraten ist.

Screenshot aus dem „offenen“ YouTube: Sieht so ein kinderfreundliches Video aus? Hell no!

Screenshot aus dem „offenen“ YouTube: Sieht so ein kinderfreundliches Video aus? Hell no!

Das Angebot ist zu verlockend: Wir als Eltern brauchen eine halbe Stunde Ruhe, Kid A will unbedingt „Feuerwehrmann Sam“ gucken, bei Netflix ist der aber nicht im Programm. DVDs haben wir auch keine, geschweige denn einen DVD-Player oder einen Laptop mit Laufwerk. Kein Problem, schmeißen wir doch einfach YouTube an! Dort finden sich auf der Stelle Hunderte von Videos – von „Feuerwehrmann Sam“ und von etlichen anderen Kinderserien – und viele von ihnen suggerieren, ganze Folgen zu zeigen, heißen zum Beispiel „Feuerwehrmann Sam Deutsch Neue Folgen | Alarm am Strand – 1 Stunde Marathon 🚒 Kinderfilme“. Nun: Das tun sie nicht, aber das ist noch das geringste der folgenden Übel.

Eine typische der scheinbar einstündigen Folgen läuft so ab: Nach einer Pre-Roll-Ad wird ein paar Sekunden, vielleicht auch Minuten, eine Folge angespielt. Gepflastert von eingeblendeten Google Ads, versteht sich. Abrupt folgt eine Werbeunterbrechung, danach geht es mit Fetzen einer anderen Folge weiter. Ein Vierjähriger beschwert sich nicht, dass er hier keine ganzen Folgen sieht, er freut sich, dass er überhaupt gucken darf und schaut weiter – aber kapiert dabei eben auch nichts, weil jede Handlung nur angerissen wird. Der ewige Vorwurf, TV stumpfe seine Zuschauer ab, hier stimmt er definitiv.

In Deutschland liegen die Ausstrahlungsrechte von „Feuerwehrmann Sam“ derzeit beim KiKa, wenn ich mich nicht irre, und ich verstehe, dass auch ein öffentlich-rechtlicher Sender eingeschaltet werden will. Mit Videos, die Eltern und ihre Kinder locken und nichts weiter als Werbeumsätze bringen sollen, tun sie sich und ihren Zuschauern dennoch keinen Gefallen. Und Moment: Dieser scheinbar offizielle deutsche YouTube-Kanal, der die Clips von „Feuerwehrmann Sam“ präsentiert, wird gar nicht vom KiKa betrieben! Sondern von einer Firma namens „Wild Brain Family International Limited“, die sich auf „Kids Video Content on YouTube“ spezialisiert hat und laut eigener Aussage „Expert in Kids Video Content Online“ ist. Naja.

Seit „Elsagate“ sollte YouTube sowieso keine Option für Eltern und ihre Kinder sein

Ein weiteres Scrollen durch die möglichen Alternativen auf YouTube bringt den größeren Schock: Auf Thumbnails, den kleinen Vorschaubildern der Videos, liegt Feuerwehrmann Sam blutüberströmt da, ich traue mich gar nicht, das offensichtliche Fake-Video anzuklicken. Und bin froh, es gesehen zu haben, bevor Kid A und Kid B es durch zufälliges Anklicken oder durch YouTubes „nächstes Video“-Algorithmus selbst gesehen hätten.

Dieses Gruselphänomen ist leider nicht neu und hat längst einen Namen: „Elsagate“. So lassen sich auf YouTube unter anderem Videos von der unglaublich beliebten Eiskönigin Elsa aus „Frozen“ anschauen, in denen erstens die Figuren nur entfernte Ähnlichkeit mit den Originalen haben, und in denen zweitens Blut noch das geringste Problem ist: Folgen heißen etwa „Elsas Forced Slavery in Club Stripper“, den Rest könnt Ihr Euch denken.

Wer nun ruft: „Selbst schuld! Was erwartest Du auch auf einer User-Generated-Content-Plattform?“, der hat einerseits recht, betreibt aber andererseits Victim Blaming – über die Motivation der Produzenten kann abseits ihrer auf nahezu kranke Art eingefahrenen Werbeerlöse nur spekuliert werden, pädophile Kommentare unter den Clips ließen nicht lange auf sich warten. Und wer nun außerdem sagt, dass YouTube selbst doch längst reagiert hätte mit der Entwicklung der App „YouTube Kids“, die nur kinderfreundliche Videos anzeigen soll, dem sei leider entgegnet: Nö, die hilft auch nur bedingt.

Erstens haben die Macher der „Elsagate“-Scheiße längst Lücken in YouTubes Sicherheitsfiltern ausgemacht und schaffen es immer wieder, ihre Videos in die App zu schmuggeln. Zweitens hat der „Business Insider“ nun in einer Recherche herausgefunden, dass die App zwar sehr wohl sämtliche Suchergebnisse auf Stichwörter wie „Porn“ und „9/11“ blockt. Videos von Verschwörungstheoretikern etwa darüber, dass die Welt eine Scheibe ist, die Mondlandung gefälscht war und unser Planet von Reptiloiden regiert wird, werden Kindern aber nach wie vor vorgeschlagen. YouTube hat bereits reagiert und mindestens 25 Videos sowie den Kanal des Verschwörungstheoretikers David Icke in der Kids-App gelöscht, deren Image wird es nicht helfen. Die Recherche beweist, was eigentlich klar sein sollte: YouTube ist und bleibt kein sicherer Ort für Kinder.

Was lernen wir außerdem daraus? Wer seine Kids trotzdem hin und wieder Kindervideos schauen lassen will, dem sei vielleicht doch die Anschaffung eines guten alten DVD-Players empfohlen – oder, und das sage ich ohne Schleichwerbeabsicht, ein Netflix-Account. In deren Kids-Bereich finden sich zwar teilweise auch Filme und Serien, die für Vierjährige noch nicht geeignet sind, sondern für ältere Kinder. Aber you get what you see, man kann sich sicher sein, dass man das sieht, was draufsteht. Und alleine sollte man seine Kinder ja sowieso nicht vor der Glotze oder dem iPad sitzen lassen.

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