Der traurige Abstieg des Feuerwehrmann Sam

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Die Geschichte der Kinderserie „Feuerwehrmann Sam“ ist älter, als man denken würde. Macht den Quatsch aber leider nicht besser. Und ein paar ungeklärte Rätsel bleiben.

Das Kernteam der Feuerwache Pontypandy: Sam, Hauptmann Steele, Penny Morris und Elvis Cridlington (Bild: KI.KA/HIT Entertainment)

Das debil grinsende Kernteam der Feuerwache Pontypandy: Sam, Hauptmann Steele, Penny Morris und Elvis Cridlington (Bild: KI.KA/HIT Entertainment)

Wer Söhne zwischen 3 und 13 hat, der kennt auch ihn: Feuerwehrmann Sam, den hilfsbereiten Retter in jeder Not, in der man im fiktiven Örtchen Pontypandy so stecken kann. Sam und seine Kollegen Penny, Elvis, Hauptmann Steele und Co. löschen Brände, holen Katzen von Bäumen, pumpen Keller ab, bergen Wanderer, schieben Wale zurück ins Meer und fischen gekenterte Seefahrer aus dem Wasser, und das stets in letzter Sekunde: Ein paar TV-, Hörbuch- oder Vorlese-Folgen reichen um zu verstehen, dass 1. ohne Sam und sein Team Pontypandy längst in Schutt und Asche läge und dass 2. nur ein hoffnungslos dummer Junge daran Schuld trüge: Norman Price, dieser lernresistente Trottel, ohne den die Feuerwehr von Pontypandy arbeitslos wäre. Und genau darin liegt das offensichtlichste Dilemma dieser Serie, deren Geschichte ihre Gegenwart in noch traurigerem Licht dastehen lässt.

Ist leider so dumm, wie er aussieht: Norman Price, der nach allen Gesetzen der Natur und der Wahrscheinlichkeitsrechnung längst verschieden sein müsste. (Bild: KIKA / Hit Entertainment)

Ist leider so dumm, wie er aussieht: Norman Price, der nach allen Gesetzen der Natur und der Wahrscheinlichkeitsrechnung längst verschieden sein müsste. (Bild: KIKA / Hit Entertainment)

Was neben mir bestimmt auch viele andere Eltern nicht wussten: „Feuerwehrmann Sam“ ist nicht etwa eine Erfindung der kostensparenden Neuzeit des Kinderfernsehens, sondern existiert seit, Achtung, 32 Jahren. Seit der Erstausstrahlung am 26. Dezember 1985 liefen bisher mindestens 178 Folgen in zehn Staffeln. „Feuerwehrmann Sam“ ist sozusagen die „Lindenstraße“ für nachwachsende Kinder, in Deutschland hat sich aktuell KIKA die Rechte gesichert. Damals erfanden zwei walisische Ex-Feuerwehrmänner die Figur, boten sie erfolgreich dem Sender S4C an und erschufen mit deren Team so eine fiktive kleine Welt, die an ihrer eigenen angelehnt ist: Der Ortsname Pontypandy setzt sich aus den Dörfchen Pontypridd und Tonypandy in Südwales zusammen. Von der damaligen Visualisierung ist aber bis heute nichts mehr übrig geblieben.

Die ersten vier Staffeln von „Feuerwehrmann Sam“ wurden im Stop-Motion-Verfahren animiert. Die Puppen bewegten ihre Lippen nicht, Augen und Mund wurden lediglich pro Bild angepasst. Alle Figuren wurden, wie beim Vorlesen, von nur einem Sprecher gesprochen. Die Handlung war im Kern die gleiche wie heute: Kleine Unfälle geschehen, Sam eilt zur Rettung.

Die 5. Staffel wurde ebenfalls im Stop-Motion-Verfahren produziert, jedoch mit neuen Figuren und weiteren Charakteren. „Wallace & Gromit“ ließen grüßen:

Seit Staffel 6 wird „Feuerwehrmann Sam“ computeranimiert, und damit zog, trotz technisch-inhaltlicher Neuheiten wie einem Quad, einem Rettungshubschrauber und einem Quadrocopter, die völlige Lieblosigkeit in diese Serie ein. Rochus Wolff schrieb 2013 auf Kinderfilmblog.de über „Feuerwehrmann Sam“: „(…)Mindestens in der deutschen Synchronfassung werden die pädagogischen Lektionen (Geh nicht auf den Pfaden oberhalb der bröckelnden Steilküste! – Lass Dein Lagerfeuer nie allein! – Schmeiss keinen Papierflieger auf den Gasherd!) mit dem Holzhammer ungespitzt in die Dialoge getrieben, dass es nur so knirscht. Schlimmer noch, es werden Szenen durch die Idiotie angeblich professionell agierender Personen herbeigeführt, nur um die Rettungstätigkeit der Feuerwehr demonstrieren zu können, ohne dass irgendjemand die wirklich sinnvollen Lehren daraus zieht.“ Ein sehr nachvollziehbares Beispiel lieferte Wolff gleich mit, es geht um den angeblich besten Handwerker Pontypandys, um Mike Flood:

“Ich hab eine Bitte, Mike: Bevor du die Kellertreppe reparierst, könntest du da wohl erst diesen Kühlschrank runtertragen?” Klar macht der Handwerker Mike das, die reparaturbedürftige Treppe bricht unter ihm ein, er bricht sich ein paar Knochen und muss von der Feuerwehr gerettet werden.

Aufgrund der paar YouTube-Clips, Vorlesebücher und CDs, die ich dank Kid A kennenlernen durfte, glaube ich sagen zu können: An dieser grenzenlosen Doofheit der Serie hat sich bis heute nichts geändert, sie kulminiert im zukünftigen Oberloser Norman Price. Unter Eltern dürfte „Feuerwehrmann Sam“ in der Unbeliebtheitsskala nur knapp hinter „Conny“ rangieren, auch wenn es, wie ich ebenfalls finde, durchaus Schlimmeres gibt. Unnötig zu sagen, dass Millionen anderer Kinder auf dieser Welt Norman und den Rest des Cast supercool finden. Kid A kann jeden Satz mitsprechen. „Feuerwehrmann Sam“ läuft in über 40 Ländern und wurde unter anderem auf Mandarin synchronisiert, der Titelsong ist leider ein verdammter Ohrwurm.

Um die Serie für die mitschauenden Eltern wenigstens ein bisschen erträglicher zu machen, präsentiere ich an dieser Stelle zwei Theorien, die zum Nachdenken anregen sollen:

1. In Pontypandy sind alle miteinander verwandt. Das Dorf entsprang aus einem nicht überlieferten Inzestfall, der seitdem unbewusst Generation für Generation übertragen wird. Anders lassen sich die geistige Schlichtheit von Figuren wie Elvis Cridlington kaum erklären.

2. Feuerwehrhauptmann Steele ist der Vater von Norman Price. Vor rund 10 Jahren landete Steele mit der Ladenbesitzerin Dyles in der Kiste, mutmaßlich nach einem Dorf- oder Richtfest. Wer Normans Vater sein soll, wurde bisher meines Wissens nach nicht thematisiert und wird es wohl auch nicht – wer aber genauer hinschaut, erkennt in Normans Verhalten ein ähnliches Maß an Trotteligkeit, Rechthaberei und Dillentatismus, das auch Feuerwehrhauptmann Steele nicht hinter Sprücheklopfereien verstecken kann. Warum Dyles stets kläglich Busfahrer Trevor anbaggert, würde dies auch erklären: Trevor ist ähnlich alt und grau wie Steele, er gäbe für Norman eine ach so wichtige Vater- oder Opafigur ab. Als ob bei dem noch was zu retten wäre.

Ein Notruf kommt an, Steele eilt zum Faxgerät: WTF?

Es gibt aber noch ein weiteres ungelöstes Rätsel in Pontypandy: Welchem Anachronismus und welch krudem Notfallverhalten ist es zu verdanken, dass die Notrufe in der Feuerwehrwache von Pontypandy stets auf dem, Achtung, Faxgerät eintreffen? Wie und warum machen die das, und wieso ist bis zum Einsatz nicht längst alles abgebrannt? Kann das bitte mal ein walisischer Feuerwehrexperte hier erklären? Sonst muss ich noch Mike Flood fragen!

 

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One Comment

  1. Einfach großartig! Wir kommen seit einigen monaten auch in das Vergnügen, Feuerwehrmann Sam rauf und runter schauen zu müssen – allerdings nur die 5. Staffel. Die animierten Folgen sind einfach zu gruselig schlecht. Und wir haben so ziemlich die gleichen Gedankengänge, die Sie in Ihrem Artikel skizzieren! Ganz, ganz groß!

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